Besuch in China
Bericht der EZ vom 29.11.2005 über den China-Besuch unsere Schule
Langsames Annähern an den Riesen in Fernost
OSTFILDERN: HHG plant Partnerschaft mit Schule in Peking - Tübinger Sinologe: Sehr bemerkenswerte Initiative
Von Harald Flößer
China ist gewaltig auf dem Vormarsch. Spätestens im Jahr 2020, so schätzen Experten der Weltbank, werden die Chinesen die USA als führende Wirtschaftsnation überflügelt haben. In Deutschland scheint man das noch nicht so recht realisiert zu haben. Dem Fachverband Chinesisch zufolge wird die Sprache bisher gerade mal an 80 deutschen Schulen unterrichtet.
So gesehen leistet das Heinrich-Heine-Gymnasium (HHG) in Ostfildern echte Pionierarbeit. Bis zu einem regulären Unterrichtsfach ist es zwar auch dort noch ein weiter Weg, aber zumindest gibt es im HHG seit eineinhalb Jahren ernsthafte Bemühungen, jungen Menschen Sprache und Kultur und Wirtschaftssystem der Chinesen näher zu bringen. Eine sehr bemerkenswerte Initiative, sagt Professor Gunter Schubert, Inhaber des Lehrstuhls für Greater China Studies an der Universität Tübingen.
Fünf AGs mit 75 Schülern
Da entwickelt sich ein ökonomischer Riese. Davor können die Schulen nicht die Augen verschließen, meint Willi Fischer. Der 56-jährige Gymnasiallehrer für Gemeinschaftskunde, Geschichte, Deutsch und Ethik betreut das Projekt China Sprache, Wirtschaft, Kultur am HHG. Seiner Initiative ist es zu verdanken, dass aus einer kleinen Ökonomie-AG für begabte Schüler bereits fünf Chinesisch-AGs mit 75 hoch motivierten Schülerinnen und Schülern aus allen Jahrgangsstufen entstanden sind. Einige kommen vom benachbarten Otto-Hahn-Gymnasium, aber auch am Georgii-Gymnasium in Esslingen haben die Ostfilderner Interesse geweckt. Wir verstehen uns mit der Initiative als Mittelpunkt-Schule, erklärt Projektmanager Fischer. Der bisherige Unterricht mit zwei muttersprachlichen Chinesisch-Lehrerinnen und einer diplomierten Chinesisch-Übersetzerin soll künftig ergänzt werden durch Vorträge von Fachreferenten. Zusammenarbeiten wird das HHG dabei mit dem Stiftsgymnasium Sindelfingen und dem Ferdinand-Porsche-Gymnasium in Zuffenhausen. Denn auch dort hat man sich dem Ziel verschrieben, jungen Menschen das Reich der Mitte näher zu bringen. Im baden-württembergischen Kultusministerium schätzt man das Projekt der drei Schulen, finanzielle Mittel hat man dafür aber bisher noch nicht locker gemacht. Deshalb hat sich Studiendirektor Fischer Verbündete in der Wirtschaft gesucht.

Budget von 150 000 Euro
Dort haben wir offene Türen eingerannt, berichtet Thomas Kirchberger, Direktor des HHG. Weil das Projekt junge Menschen befähigt, sich für den globalen Wettbewerb zu rüsten, sind die Robert-Bosch-Stiftung, DaimlerChrysler, Porsche und Festo auf den Zug aufgesprungen. Nicht ohne Eigennutz: Denn in den Unternehmen hofft man natürlich, sich damit auch Nachwuchskräfte heranziehen. Zu den Förderern des China-Projekts zählt auch der in Ostfildern ansässige Maschinenbauzulieferer Arno Werkzeuge. Insgesamt stehen für die nächsten fünf Jahre 150 000 Euro zur Verfügung.
Wir wollen nicht auf einen modischen Trend aufspringen, betont Schulleiter Kirchberger. Unsere Aufgabe ist es, junge Menschen zukunftsfähig zu machen. Dazu gehöre auch die Beschäftigung mit der immer näher rückenden Welt der 1,3 Milliarden Chinesen. Kirchberger ist deshalb vor kurzem mit der Sport- und Deutschlehrerin Daniela Rumpf nach China gereist, um Kontakte zu knüpfen und eine offizielle Partnerschaft mit einer 3500 Schülerinnen und Schüler zählenden High School im Großraum Peking vorzubereiten.
Großes Interesse an Deutschland
Mit großem Erfolg, wie Kirchberger berichtet. Wir sind dort sehr herzlich empfangen worden. Durch zahlreiche persönliche Gespräche, in denen auch heiklere Themen wie soziale Probleme in China offen angesprochen wurden, sei es gelungen, eine Vertrauensbasis zu schaffen. Man hat dort großes Interesse an Deutschland, erzählt Kirchberger. Der Historiker hielt in Peking einen Vortrag über die Entwicklung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg.
Beeindruckt zeigte sich der HHG-Chef von der modernen Ausstattung der Klassenzimmer in der künftigen Partnerschule, vor allem mit EDV-Geräten. Im Frühjahr kommt Schulleiter Kang aus Peking, wie Kirchberger ein Historiker, zu einem Gegenbesuch nach Ostfildern. Der erste offizielle Schüleraustausch ist bereits ins Auge gefasst. Nach den Worten von Projektmanager Willi Fischer sollen die ersten 15 bis 20 Schüler aus Ostfildern im Oktober 2006 nach China reisen mit finanzieller Unterstützung der genannten Unternehmen. Untergebracht werden die deutschen Schüler im schuleigenen Gästehaus. An den Wochenenden lernen sie das Leben in chinesischen Gastfamilien kennen.
EZ 29.11.2005
("Abdruck" mit freundlicher Genehmigung der EZ)
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