OSTFILDERN: Lektionen am anderen Ende der Welt - Austauschschüler aus Peking lernen Brezelbacken, fahren Stocherkahn und nach Heidelberg
Immer wieder drücken die Gäste auf die Auslöser der Fotoapparate und lassen Blitze durch die Hallen zucken. Sie dokumentieren jeden Schritt im Esslinger Backhaus Zoller: Brot, aufgerollter Teig, dampfendes Gebäck. Die zwölf chinesischen Schülerinnen und Schüler der „Affiliated High School of Peking University“ sind zehn Tage zu Gast im Heinrich-Heine-Gymnasium in Ostfildern und dem Georgii-Gymnasium in Esslingen. Sie schauen Heidelberg an, fahren Stocherkahn auf dem Neckar, besichtigen das Porschewerk und lernen den Unterricht kennen. Ihr erster Termin nach der Begrüßung in der Schule ist das Brezelbacken bei Zoller. Aus vorgeformten Teigstücken sollen sie Brezeln machen. Bäckermeister Joachim Mayer zeigt, wie es geht. Er fasst den Teig an beiden Seiten an, reißt ihn hoch, dreht ihn in der Luft und lässt ihn auf das Brett sinken. Doch so einfach ist es nicht. Die Chinesen formen klassische Brezeln, dann experimentieren sie und formen sehr kleine und doppelte Exemplare. Dies sei der zweite Austausch von chinesischen Schülern, erzählt Willi Fischer, Lehrer am Heine-Gymnasium. 2004 hatte er die Idee, begabten Schülern Chinesisch-Unterricht anzubieten. „Wir wollten den Schülern dadurch bessere berufliche Perspektiven geben.“ Er konnte die Robert-Bosch-Stiftung als Geldgeber gewinnen. Bereits seit Sommer 2004 können Schüler am HHG Chinesisch lernen. „Unser Angebot wurde gleich sehr gut angenommen.“ Heute lernen 60 Jugendliche Chinesisch. Schon 2006 flogen die ersten Schüler zum Austausch nach Peking. „Die Schüler sollen das Land kennen lernen und interkulturelle Kompetenz erwerben“, sagt Fischer. Die aktuellen Gäste beschreibt er als sehr wissbegierig. „Als sie die aufrollbaren Handtücher in den Toiletten sahen, sagten sie, dass sie die auch in ihrer Schule vorschlagen wollen.“Liu Yi Hong ist die Austauschpartnerin von Tanja Eisele. „Es ist schön hier“, sagt sie über Deutschland. „Mir gefallen die Bäume, Hügel und alten Häuser.“ Ihr ist aufgefallen, wie ruhig es auf den Fildern im Gegensatz zu Peking ist. „Gestern habe ich ihr gleich einen Kulturschock beschert, als sie das erste Mal in ihrem Leben ein Pferd gesehen hat“, sagt Tanja. Neu für Yi Hong sind auch kleine Dinge im Alltag wie Anschnallen im Auto und Brot schmieren. Bevor Yi Hong landete, wusste Tanja gar nichts über sie. „Sie hat mir zwar vorher eine E-Mail geschickt, aber die muss bei mir im Spam-Ordner gelandet sein.“

Die schwäbische Küche hat Yi Hong schon kennengelernt. „Rostbraten und Spätzle haben ihr gut geschmeckt“, erzählt Tanja. Bei Janina Steinle gab es am ersten Tag Maultaschen für Cai Zhuoling. „Die mag sie“, sagt Janina. Die Chinesin ist sehr kommunikativ. „Sie erzählt viel aus China, ist neugierig und fragt viel.“
Das sei das Ziel des Austauschs, sagt die Lehrerin Shuxiang Wang. „Wir möchten den Horizont der Schüler erweitern.“ Sie möchte den Schülern die westliche Lebensweise vermitteln. „Sie müssen hart arbeiten, um Fortschritte zu machen.“ Es sei aber auch eine Vorbereitung für ihre Zukunft. „Viele werden nach dem Schulexamen im Ausland studieren.“
Der 16-jährige Li Chang hatte gehört, dass die Deutschen verantwortungsbewusst und diszipliniert seien. „Das wollte ich selbst erleben.“ Deutsche Produkte sind in seiner Familie beliebt. Sie fährt ein deutsches Auto und schläft auf deutschen Matratzen. „Hier essen sie viel weniger Gemüse“, wundert er sich. Er hat in der Backstube nicht nur Brezeln geformt, sondern auch den Firmennamen Zoller in Buchstaben gebacken.
Artikel vom 16.07.2009 © Eßlinger Zeitung
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