Heinrich Heine und die schwäbische Schule


- Brigitte Dreher (Deutschlehrerin am HHG) über den umstrittenen Dichter - 


Was hat der in Düsseldorf geborene Heine mit der schwäbischen Schule zu tun? Um das zu verstehen, sind einige Hintergrundinformationen nötig.


Als sich Heinrich Heine 1831 für immer in Frankreich niederließ, war er schon mit einigen Versuchen, sich beruflich in Deutschland zu etablieren, gescheitert.

Seine Hoffnung, die er in Briefen äußerte, war es gewesen, "den Katheder zu besteigen und der unmündigen Jugend die Vorzeit im Lichte der Wahrheit zu zeigen". Eine preußische Kabinettsorder von 1822 verwehrte es den Juden wieder, akademische Schul- und Lehrämter zu bekleiden. Trotz der Taufe 1825 erhielt Heine, nun Protestant, weder in Berlin oder München die angestrebte Professur, noch in Hamburg das Amt eines Ratssyndikus.

Er zog als freier Schriftsteller und Korrespondent deutscher Zeitungen nach Paris ins Exil und war somit auch abhängig vom Bücher- und Zeitschriftenmarkt in den deutschen Territorialstaaten.


Eine schwierige Situation, denn nach der Julirevolution 1830 in Frankreich und den nachfolgenden Unruhen in den deutschen Ländern waren die österreichischen und preußischen Machthaber ihrerseits verunsichert und "drückten" dies durch verstärkten "Druck" aus. Eine Reihe von restaurativen Maßnahmen folgte - für Heine besonders bedeutsam - z.B. die Bespitzelung der Emigranten und die Verschärfung der Zensur.


1835 gipfelte die Verfolgung in einem Beschluss der Bundesversammlung. Fünf Mitgliedern des "Jungen Deutschlands", einer Vereinigung von jungen Dichtem, die das restaurative System ablehnten, wurde polizeiliche Gewalt angedroht, ihre Schriften verboten. Als Rädelsführer bezeichnete der österreichische Staatskanzler Heinrich Heine.
Den Jungdeutschen wurde vorgeworfen, die "christliche Religion auf frechste Weise anzugreifen, die bestehenden sozialen Verhältnisse herabzuwürdigen und alle Zucht und Sittlichkeit zu zerstören".


Beachtenswert an dieser Begründung sind die Vorwürfe der Irreligiosität und der Unmoral. Denn diese Munition bezogen die Gegner in Frankfurt, bzw. ihre fürstlichen Auftraggeber in Wien und Berlin, von Heines meist bürgerlichen Zunftkollegen, von Literaten, von Literaturhistorikern und -kritikern.
Eng verbunden mit den politischen Auseinandersetzungen tobte ein heftiger Literaturstreit zwischen den ursprünglich liberalen Gruppierungen. Extreme waren Radikaldemokraten und die Richtung, die sich dem konservativen Gedankentum zuwandte und dabei auch nationale Töne anschlug. Liberal im eigentlichen Sinne waren sie alle miteinander nicht: "Wer" nun "was" und vor allem "wie" schreiben oder dichten sollte, war Gegenstand dieser Literaturfehde.
Galionsfigur der konservativen Seite war der Stuttgarter Literaturkritiker Wolfgang Menzel. Er war es, der in einer Rezension die Jungdeutschen der "Zucht- und Sittenlosigkeit" bezichtigte und somit das Verbot auslöste, der, wie Heine es ausdrückte, "denunzierte".


"Heine hat sie Alle gegen sich" - so beurteilte Gutzkow 1835 Heines Situation, auch Gutzkow, ein "verbotener Jungdeutscher" wird Heines Rivale. Heine, der Jude, der Franzosenfreund, Vaterlandsverräter, Unmoralische, Charakterlose, Irreligiöse und andererseits der "Nur-Ästhet", der mit der Revolution nur Spielende - diese Attribute wurden Heine schon 1835 von Literaten zugeschrieben. In seltener Einigkeit warfen ihm alle Frivolität vor, Talent jedoch gestanden sie ihm zu. Und Heine?

Er wehrte sich mit dem ihm zu Gebote stehenden Mitteln, mit der Feder!
Heine wehrte sich gegen "Alle", uns interessiert hier sein Kampf gegen eine Gruppe der konservativen liberalen Literatur, die schwäbische Schule, mit ihrem Literaturpapst und "Sittenwart" Wolfgang Menzel. Diesen nahm er 1837 in seiner Prosaschrift "Über den Denunzianten" aufs Korn: "Es ist schwer, in Stuttgart nicht moralisch zu sein. In Paris ist das schon leichter." Der schwäbischen Schule hielt er ein Jahr später im "Schwabenspiegel" den Spiegel vor. Scheinheilig lässt hier Heine den "geneigten Leser" fragen: "Was ist das, die schwäbische Schule?", um bissig die Antwort selbst zu geben - nicht die "Rieseneiche" Schiller, sondern "Heringe", "Sardellen ohne Salz", "bescheidene Größen", wie z.B. der Pfarrer Gustav Schwab, Justinus Kerner, der Herr Karl Mayer, ein Herr ***, der Maikäfer besingt" (womit er Mörike meint), während er Ludwig Uhland eher in Schutz nimmt.Für größere literarische Werke blieb Heine keine Zeit. Erst ab 1841/42 spießt er die schwäbische Schule auch dichterisch auf; vor allem im "Atta Troll", gelegentlich im "Wintermärchen" und in Gedichten. Eine Kostprobe aus "Attra Troll", der Bärenfigur, die von sich selbst sagt: "Kein Talent, doch ein Charakter".
In der Hütte der Hexe Uraka in den Pyrenäen trifft der Dichter auf einen Mops, dieser beginnt zu sprechen, "Schwäbisch ist die Mundart":

Oh, ich armer Schwabendichter!
In der Fremde muss ich traurig
Als verwünschter Mops verschmachten
Und den Hexenkessel hüten!
...
Wär ich doch daheim geblieben,
bei Karl Mayer, bei den süßen
Gelbveiglein des Vaterlandes.
Bei den frommen Metzelsuppen!


Der Mops erzählt nun dem Dichter sein trauriges Los, wie er auf einer Bildungsreise zur Uraka gekommen ist. Bracht ihr ein Empfehlungsschreiben von Justinus Kerner, dachte nicht daran, dass dieser Freund in Verbindung steht mit Hexen. Weiter habe ihn die Uraka voll "Sinnenbrunst" verführen wollen.

Doch ich flehte:
Ach entschuldigen sie, Madam! Bin kein frivoler Goetheaner,
ich gehöre zu der Dichterschule Schwabens.
Sittlichkeit ist unsre Muse, und sie trägt vom dicksten Leder Unterhosen.
– Ach! Vergreifen sie sich nicht an meiner Tugend.

Aus Rache über die Abfuhr verwandelte die Hexe den Schwabendichter in einen Mops, der nur entzaubert werden kann, wenn eine reine Jungfrau es vollbringt, die
Gedichte Gustav Pfizers lesen – ohne einzuschlafen!
Pfizer hatte die erste größere Arbeit über Heine veröffentlicht, dessen Spracheigentümlichkeiten als "französisch" abqualifiziert und ihm "Judaissieren" vorgeworfen. In seinem Gedicht verspottete Heine drastisch das "Umfallen" der schwäbischen Liberalen ins Konservative.


In Schwaben besah ich die Dichterschul, gar liebe Geschöpfchen und Tröpfchen!
Auf kleinen Stühlchen saßen sie dort, Fallhütchen auf ihren Köpfchen.


Und selbst im 'Testament", einem seiner letzten Gedichte, gedenkt er noch einmal der Schwaben:


Ein getreues Abbild von meinem Steiß vermach ich der schwäbischen Schule;
ich weiß, ihr wolltet mein Gesicht nicht haben, nun könnt ihr am Gegenteil euch laben.


Grund dafür war, dass Schwab und einige seiner Kollegen die Mitarbeit am "Deutschen Musenalmanach" aufkündigten, als der Verleger eine Titelseite mit einem Portrait Heines schmücken wollte.


Gerade die letzten beiden Beispiele, die weniger ironisieren als verwunden wollen, zeigen deutlich, dass Heine sich von den Schwaben nicht nur politisch diffamiert, sondern auch persönlich getroffen fühlte.


Und heute? " - ach, die schwäbische Schule macht mir so viel Kummer!" seufzt Heine in seinem Schwabenspiegel. Wollen wir ihn ein wenig trösten auf seinem Leidenshügel, dem Montmartre.


Nicht weit von Stuttgart gibt es heute eine schwäbische Schule, die vor über 20 Jahren gegründet wurde und gegen manche öffentliche Widerstände Heinrich Heine als ihren Namenspatron ausgewählt hat. Die Schulkonferenz genauso wie das gesamte Kollegium mit der Schulleitung setzten sich energisch für die Namengebung ein, die Religionslehrer verfassten eigens eine Stellungnahme, in der sie Heine gegen den Vorwurf des Atheismus und der Unmoral verteidigten.


Die Leitfigur, seit 20 Jahren Schulleiter, auch ein Wolfgang, aber eben ein Roser (Anm. d. Red: Dr. W. Roser war von 1976-1996 Rektor des HHG) und nicht ein Menzel, sorgte und sorgt unermüdlich für die Verbreitung von Heines Schriften. Kein Abiturient und kein Referendar verlässt die Schule, ohne ein Bändchen Heine in die Hand gedrückt zu bekommen. Vorgezogenen Tantiemen hätten Heine manche Sorge erspart.

Eine francophile Schülerschaft fährt Jahr für Jahr zum Austausch, parliert ungezwungen französisch und goutiert die französische Küche. Mittlerweile besuchen mehr Mädchen als Jungen diese Schule, denn auch Heine hat schon erkannt: "Die Weiber in Schwaben scheinen überhaupt mehr Energie zu besitzen als ihre Männer."

Durch den schuleigenen Lektürekanon, durch Rezitationen bekannter Künstler, durch Ausstellungen wird den Schülern und ihren Eltern immer wieder Heine präsentiert.


Ein "Abbild" von Heines "Gesicht" ziert das Foyer, eine überdimensionale Skulptur den Pausenhof. Sogar sportliche Siege werden mit Heines Emblem errungen:


Heinrich-Heines-Hallen-Handball!


An dieser Schule gibt es zwar AHA-Erlebnisse, aber das H-H-Erlebnis dominiert. Somit bleibt zu hoffen, Heine könnte beim Anblick des Heinrich-Heine-Gymnasiums in Ostfildern versöhnt lächelnd sagen:
"Oh, diese schwäbische Schule macht mir so viel Freude!"

Brigitte Dreher (ehem. Deutschlehrerin am HHG)