"Zündstoff"

Februar 2009

 

Ein Interview mit Thees Uhlmann:
   
   

„Ich glaube an kleine Ordnungseinheiten“
Ein exklusives Gespräch mit Thees Uhlmann, dem Sänger und Kopf der Band
Tomte, über das Schulsystem, Sozialpädagogen, Familie und das auf-Tour-sein.
Tomte haben es geschafft - das, wovon unzählige Bands der Welt träumen: vom
Proberaum im Provinzkaff in die Charts. Ohne an Bandwettbewerben teilzunehmen haben
sie einfach immer das gemacht, was sie wollten und für richtig hielten. Über das eigene
Label „Grand Hotel van Cleef“ veröffentlichen sie ihre Platten, die ihnen den Status als
einer der einflussreichsten und beliebtesten Independent-Bands im deutschsprachigen
Raum einbrachten. Dabei sind sie immer noch ganz einfach und normal geblieben...


Zündstoff: Bei uns an der Schule kennen wohl die Wenigsten Dich und deine Band -
stelle Euch doch bitte kurz vor.
Thees Uhlmann: Über Tomte hört man oft, dass das wahnsinnig normale Typen sind, die
aus irgendeinem Grund auf der Bühne stehen und etwas außergewöhnliches schaffen:
und zwar tolle Musik. Wir machen Rock musik mit deutschen Texten - hört sich simpel an,
machen aber relativ wenige. 5 Platten haben wir jetzt schon rausgebracht und mehr ist
eigentlich auch nicht passiert in den letzten 13 Jahren.


ZS: In unserer nächsten Ausgabe geht es um das dreigliedrige deutsche
Schulsystem. Es gibt Stimmen, die nach einer Gesamtschule verlangen - was ist
deiner Meinung das bessere System?

TU: Ich kann es nicht richtig beurteilen, weil ich komplett ohne Gesamtschule
aufgewachsen bin und das nie von innen gesehen habe. Ich war auch auf einem ganz
kleinen Gymnasium. Zum Thema Hauptschule: ich hab einen Bekannten, der ist Lehrer
und sagt „Alter, ich mach hier Unterricht für die Hälfte von der Klasse. Der einen Hälfte ist
das egal und die andere Hälfte weiß, dass das ihre beschissene letzte Chance ist, im
Leben irgendwie was auf die Reihe zu bekommen“. Und die Hauptschule einfach sich
selber zu überlassen ist halt auch keine Lösung. Man sieht es ja selber: wenn du durch
Berlin gehst siehst du viele Jugendliche, bei denen du denkst: „Alter, was machst du da?“
Schwierig.
Die einzige Sache, die ich noch dazu sagen kann: ich glaube an kleine
Ordnungseinheiten. Ich glaube, je größer etwas wird, desto weniger stehen die Leute
unter einer sozialen Abhängigkeit.

ZS: Ein Newsletter deiner Band endete mal mit den Worten: „Grüße an euch
Sozialpädagogikstudenten“. Glaubst du also, dass eure Hörer mehr aus dem
Gymnasium und studentischen Bereich kommen?

TU: Das ist schon wirklich so unsre Clique. Ich glaube einfach, das sind so bestimmte
Leute, die haben eine bestimmte Einstellung zum Leben. Die Hören gerne eine bestimmte
Art von Musik, sie werden von Musik angesprochen. Musik ist für die keine
Bumsvorbereitung in der Disko - und für solche Leute machen wir Musik. Solche Leute
entscheiden sich häufig dazu, dass sie mehr Befriedigung dadurch erfahren, ihr Wissen für
Menschen zu benutzen und dann so was wie Sozialpädagogik studieren und Erzieher
werden oder was weiß ich was. Es wird auch immer so viel über diese Leute gelacht, es
gibt darüber aber gar nichts zu lachen, denn ein guter Sozialpädagoge ist gesellschaftlich
mindestens genau soviel wert, wie ein guter BWLer.

ZS: Und meinst du, dass Hauptschüler Tomte eher nicht oder anders hören würden?

TU: Anders hören, ja. Ich glaube es gibt auch Hauptschüler, die uns hören, aber die
meisten sind halt Gymnasiasten und Studenten. Aber das ist genau die andere Frage,
worüber ich nachdenke: Warum ist die Independent-Szene so unattraktiv für bestimmte
Leute, dass sie sich dafür einfach nicht interessieren? Bei allen Konzerten hab ich zwei
Typen gesehen mit schwarzen Hautfarbe. Das ist interessant, das ist ja quasi
unterdurchschnittlich. Das ist auch gar keine Bewertung oder so. Das ist einfach eine
interessante Feststellung. Und Hauptschüler die Tomte hören, da gibt es wahrscheinlich
wahnsinnig wenige. Hab ich so noch nie mitbekommen. Wenn es einen gibt und der das
liest in der Schülerzeitung, dann soll er sich bei mir melden.

ZS: Glaubst du, es liegt an den Texten oder auch an der Musik?

TU: Auf einem Bushido-Konzert hast du halt wenige Gymnasiasten. Ich glaube, wenn man
jetzt darüber diskutiert, kommt man auf extrem dünnes Eis...

ZS: Für Tomte schreibst du die Texte. Sind deine Texte jetzt mehr Ausdruck einer
Botschaft, die du weitergeben willst, oder schreibst du über und für dich?

TU: Der Impuls ist das für mich schreiben, das Aufschreiben, das Dokumentieren. Und
wenn sich dann Leute darauf beziehen und sich connecken können, dann ist das eine der
besten Sachen. Eine Grundmessage, wie bei „Rage against the machine“ haben wir nicht
- das finde ich auch meistens dämlich.

ZS: Wenn du eine Platte aufnehmen würdest und du wüsstest, dass es ein
finanzielles Desaster wird, würdest du sie trotzdem veröffentlichen?

TU: Alter Schwede! So Dennis Becker (Gitarrist bei Tomte, anm. d. Redaktion). Du nimmst
ne Platte auf, für teueres Geld, weißt aber, dass sie ein finanzielles Desaster wird. Bringst
du sie raus, oder nicht?
Dennis Becker: Ja.

TU: Alles für die Kunst.

ZS: Ihr seit jetzt fast zwei Wochen auf Tour. Du bist jetzt Vater und hast eine kleine
Familie. Fällt es schwer zu touren, oder ist es eher so ein Abschalten und mal-wegkommen?

TU: Das musst du dir so vorstellen, also ob du frisch verliebt bist, aber drei Wochen in
Amerika Urlaub machst. Trotzdem würde ich das Kind aber morgens gerne zum
Kindergarten bringen. Es natürlich einfach doof, weil du Verantwortung nicht wahrnehmen
kannst. Aber auf der anderen Seite sind Leute, die auf einer Bohrinsel arbeiten drei
Monate weg.


ZS: Wenn du wochenlang durch Deutschland fährst, fallen dir dann Sachen auf, die
deiner Meinung nach in einen Reiseführer über Deutschland gehören?

TU: Also ich könnte jetzt keinen Reiseführer schreiben. Aber wenn du jetzt mit in den Bus
steigen würdest, dann könnte ich dir zum Beispiel sagen - irgendwo in Süddeutschland -
„hier rechts kommt gleich eine Tankstelle und da haben wir uns vor fünf Jahren mal alle
zusammen die Hände gewaschen“. So tourmäßig hab ich halt wahnsinnig viele Sachen
abgespeichert.
Aber man nimmt das schon wahr, den Unterschied von einer zu andern Stadt. Wie gestern
München, heute Stuttgart. Auf der Bühne ist der einem so total transparent. Man weiß halt
einfach: die Leute hier sind anders als in München, die Leute in Nürnberg sind anders als
hier und in Zürich sind sie anders.
Ich bin auch nicht so der größte Tourist so. Ich würde jetzt lügen, wenn ich jetzt sagen
würde, dass ich Heute in einem geilen Museum hier war. Ich brauche auch viel Zeit, um
mich auf den Auftritt vorzubereiten, aber es bringt mir sehr viel Spaß, auf der Bühne den
Vibe einer Stadt zu verstehen.


ZS: Ihr habt schon einmal in London gespielt und merkt man das, wie die Leute
reagieren, wenn sie dort auf Deutsch besungen werden?

TU: War geil, weil wir einfach auf Deutsch gesungen haben. Du musst die Leute halt eins
zu eins von deinem Scheiß überzeugen. Da bringt es nichts: „Ja, unser nächstes Lied
so...“. Da musst du knallen, da müssen die Songs gut sein und du musst ein paar
Ansagen machen, in denen du dich über Deutschland lustig machst. Und zum Schluss
haben Freunde mir gesagt: „Die Engländer haben geklatscht“.

ZS: „Und wann kommt die englische Platte?

TU: Nächstes Jahr

ZS: Du warst als Gastdozent in Amerika. Könntest du dir vorstellen, wenn Tomte mal
eine längere Pause machen sollten, als Lehrer zu unterrichten?

TU: (überlegt) Ja. Ich mein Lehrer ist wahrscheinlich wahnsinnig schwierig, weil ich wenig
Sachen weiß, die man an einer Schule vermitteln würde. Aber ich finde der Beruf des
Lehrers gut - ist ein ehrenvoller Beruf. Und Leute, die das gut machen finde ich extrem
geil. Ich hatte in meinem Leben nur 2 oder vielleicht auch nur einen Lehrer gehabt, der
mich wahnsinnig inspiriert hat, der gesagt hat: „Hey schau mal, läuft nicht so gut in der
Schule bei dir, aber bist ein guter Homie.“ Der hat mir auch sowas wie Shakespeare erklärt
und warum Shakespeare halt geil ist. Und dafür bin ich dem furchtbar dankbar, weil ich
kann da eine Linie von dem Lehrer zu Shakespeare und zu Tomte ziehen.

ZS: Und es braucht mehr von diesen Lehrern?

TU: Davon kann es nie genug geben. Jeder Schüler ist ja auch anders und da braucht
man das: „Lass Englisch sein, aber Physik, das ist dein Ding - häng dich da rein!“.

ZS: Was waren denn deine Leistungskurse?

TU: Englisch und Politik. Mathe-Klausur: 0 Punkte im Abitur. Ich war so schlecht in
Mathe... Ich hatte damals eine Freundin und deren Vater war Mathelehrer an meinem
Gymnasium und der meinte: „Das geht so nicht weiter, ich geb dir jetzt Nachhilfe in
Mathe“. Stundenlang saß ich mit dem rum und er so: „Das muss man doch
verstehen“ (lacht).

ZS: Wie schildern dir jetzt eine Situation und du nennst uns den Tomte-Song, den
man in dieser Situation hören sollte:
In der großen Pause vor der Mathe-Klassenarbeit: „Voran Voran“ hört man da.
Auf dem Weg in die Schule am Morgen: Entweder von der neuen Platte „& ich wander“
oder das Lied „Du bist den ganzen Weg gerannt“.
Auf dem Heimweg: „Korn und Sprite“
Nachts betrunken nach Hause: gut gelaunt betrunken Heim oder schlecht gelaunt
betrunken heim? Was für ne geile Frage, bin ich noch nie gefragt worden.
1. Gut gelaunt: New York glaube ich
2. Schlecht gelaunt: Natürlich „Nichts ist so schön auf der Welt, wie betrunken traurige
Musik zu hören“
Bevor man Abends weggeht: „Schreit den Namen meiner Mutter“ von „Hinter all diesen
Fenstern“ und „Ich sang die ganze Zeit von dir“ von der „Buchstaben über der Stadt“ -
„Ich war ein guter Junge, heute mache ich mich schick“.

ZS: Euer Bassist Nikolai: er ist weder auf den Tourplakaten, in den Videos noch auf
den Fotos zu sehen. Ist er denn nun fest dabei oder nur Livebassist?

TU: Genauso wie Muse zu viert auf der Bühne stehen und das keiner weiß oder Green
Day glaube ich zu fünft sind, ist er bei uns erstmal Live-Musiker, aber das hat einfach den
Grund, dass er die Platte nicht mitgeschrieben hat und wir vier uns jetzt erstmal darüber
freuen, dass wir das so gut geschafft haben.

ZS: Du hast in Esslingen im Komma gespielt, vor ein paar Jahren, dann in Stuttgart
das LKA und jetzt Heute das Theaterhaus. Die Konzertsäle sind immer größer
geworden - geht da nicht irgendwie Atmosphäre verloren?

TU: Also wenn das nur andeutungsweise wird wie heute Abend (beim Soundcheck), dann
wird das geil - weil ich das geil finde, wenn da vorne welche stehen und man Hinten sitzen
kann. Zum Beispiel ist es mir irgendwie mal aufgefallen, dass bei Tomte - was ich sehr
genieße, denn wir sind halt keine so Abi-Party-Band - die Leute kommen und sich das
bewusst angucken. Und ich glaube, dass es einfach auch viele Leute gibt, die sich das
einfach nur anhören wollen. Und dafür ist das natürlich genial: vorne können die Leute
stehen - so rockkonzertmäßig - und hinten kann man sitzen zum Zuhören. Sound ist
genial, bester Sound der Tour bis jetzt. Alles Super!

ZS: Unsere letzte Frage. Gibt es noch etwas, das du den Lesern unserer
Schülerzeitung mitteilen willst?

TU: Ja, wenn eure Eltern sagen die Schule ist die schönste Zeit im Leben, dann lügen sie.
Sie wissen es ganz genau, dass sie lügen.

ZS: Vielen Dank für das Gespräch!


Thees Uhlmann in concert