„Wer geht schon zum Vespern in die Kirche?“
… haben sich viele Schüler und Schülerinnen der Kursstufe gefragt, als sie das erste Mal vom Projekt Vesperkirche gehört hatten. Inzwischen sind sie schlauer und haben selbst dort gegessen. Aber das war natürlich nicht der Hauptgrund, warum 12 Schüler und Schülerinnen aus K2 am 8. März 2012 mit ihrem Relilehrer einen halben Tag lang in Esslingen in die Kirche gingen.
Um was es ging, haben sie bald gemerkt, denn als erstes wurden alle Aufgaben verteilt: Essen in großen Behältern tragen, Getränke verteilen, die Gäste bedienen, Kinder betreuen, …
Nach der Vorbesprechung bekamen alle eine weiße Schürze als Zeichen, dass wir nun die Gäste bedienen. Und die Gäste kamen: Obdachlose, Großverdiener, Harz IV-Empfänger, Alleinstehende, Rollstuhlfahrer, Familien mit indern, …
Über 350 Menschen an einem normalen Wochentag. Sie bezahlten 1,20 € für das vollwertige Menü samt Getränken und Kuchen. Wer konnte, bezahlte natürlich mehr.
Wozu das Ganze? Kirche ist dann am meisten Kirche, wenn sie Nächstenliebe nicht nur predigt, sondern lebt. In unserer Gesellschaft nimmt Armut immer mehr zu. Dazu kommen Isolierung und Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsschichten. Auch wenn uns bei weitem die Mittel und Menschen fehlen, as grundlegend zu ändern, so ist es doch sehr wertvoll, wenn in der kalten Jahreszeit die Kirche für einige Wochen für alle Menschen offen ist und sie einen geschützten Ort haben, wo sie freundlich behandelt und versorgt werden. Hier gibt es neben Essen und Trinken auch Gesprächsmöglichkeiten und Beratung, manchmal auch medizinische Hilfe. Die Termine der Vesperkirchen in der Region sind dabei aufeinander abgestimmt, so dass Bedürftige für mehr als 4 Wochen einen Anlaufpunkt haben. Die Erfahrungen der Schüler und Schülerinnen:
„Das war ein toller Tag. Das hätte ich nie gedacht. Es ist was ganz anderes, ob man abstrakt über Armut spricht oder ob man diesen Menschen konkret begegnet. Was vorher vielleicht langweilig oder anstrengend klang, hat sich als sehr interessant erwiesen und hat sogar Spaß gemacht.“
In der Abschlussrunde haben die Profis und Dauerhelfer unsere Schüler und Schülerinnen sehr gelobt.
Aufgefallen ist den Schülern: Da helfen ja fast bloß Schüler und Alte mit. Offenbar sind Ehrenamt und Engagement für sozial Schwache in unserer Gesellschaft nicht in Mode.
Diskutiert wurde hinterher noch viel: Warum macht die Kirche das nicht immer und überall? Warum machen da nicht viel mehr Leute mit? Wohin gehen die Obdachlosen nachts? Was kostet das? Wer bezahlt das? (evang. und kath. Kirche zusammen + große Spenden.) Warum …?
J. Hudelmayer
Ein Tag in der Vesperkirche
Im Rahmen des Unterrichtsthemas "Gerechtigkeit" in 13.1 evang. Religion haben wir uns mit einigen Fragen der sozialen Gerechtigkeit auseinander gesetzt und uns dabei auch exemplarisch mit einigen konkreten Initiativen der evang. Kirche beschäftigt. Eine Schülerin, die schon seit Jahren in der Vesperkirche Stuttgart (Infos s.u.) mitarbeitet, schlug schon im Herbst 2006 vor, uns für einen Tag zur Mitarbeit in der Vesperkirche anzumelden. Aber der Versuch schlug fehl, es waren schon Monate im Voraus alle Termine belegt. So haben wir gleich zu Beginn des Schuljahres 2007/08 einen neuen Anlauf genommen und tatsächlich für den 6. März 2008 eine Zusage erhalten. Leider konnten wir nicht als ganzer Kurs mit 24 Leuten teilnehmen, nicht mal für 10 Leute bekamen wir eine Zusage, sondern nur für 6 (+ Lehrer). [Hintergrund: dann können doppelt so viele Klassen eine Zusage erhalten].
J. Hudelmayer
Von den sechs Schüler/innen beschreiben vier ihre Eindrücke und Gedanken:
Jasmin:
Es war für mich sehr ungewöhnlich, Tische, Stühle und Essenstheken in einer Kirche stehen zu sehen. Doch schon beim Schmieren der Brote erschien es mir vollkommen normal, Essen und Trinken für die Gäste auszugeben. Bei der Ausgabe des Mittagessens kam ich in ersten Kontakt mit den Besuchern. Völlig unterschiedlichen Menschen aus ganz verschiedenen Lebenssituationen begegnete ich dabei. Manche waren gestresst, zitterten, wollten nicht oder wenig kommunizieren, aber viele waren sehr freundlich und dankbar. Es war ein gutes Gefühl, einen Beitrag dazu geleistet zu haben, dass es den Menschen besser geht. Denn das hat man oft gespürt. Leider habe ich auch erlebt, wie manche Gäste aggressiv wurden oder sich von unserer Hilfe angegriffen fühlten, weil man "wie ein Kind" behandelt würde. Auch wurde ich mit den großen Unterschieden zwischen meinem Leben und dem der Besucher konfrontiert. Wir wissen es gar nicht mehr zu schätzen, ein Dach über dem Kopf und warmes Essen zu haben und auch der Umgang mit Geld ist für uns ein ganz anderer. Später konnte ich auch einzelne Gespräche mit Besuchern führen. Ein großer, einschüchternd wirkender Rocker hat es mir dabei besonders angetan. Mit ihm führte ich ein langes Gespräch, dass ich so wahrscheinlich nie mit ihm geführt hätte. Ich war überrascht, wie offen und nett die Menschen auf mich zukamen und wie wohl ich mich bei den Gesprächen gefühlt habe. Ich kam den Menschen näher und hatte das Gefühl, auch ihnen mit meiner Anwesenheit helfen zu können. Die Erfahrung in der Vesperkirche hat sich für mich sehr gelohnt.
Timon:
Das Arbeiten in der Vesperkirche war für mich eine völlig neue Erfahrung, wenn vielleicht nicht wegen der Arbeit die wir dort machten, sondern viel mehr wegen der Leute. Neben vielen unauffälligen Menschen, von denen man nicht gedacht hätte, dass sie finanzielle Probleme haben, waren auch einige Obdachlose. Manchen sah man richtig an, dass sie nur sehr kurze Nächte hinter sich hatten, wobei es auch viele gab, die bereits morgens, vermutlich noch nicht mal nüchtern, wieder ihr erstes Bier tranken. Es war neu für mich zu sehen, wie viele solche Menschen in Stuttgart direkt vor unserer Haustür leben und es hat mir sehr viel Freude bereitet diesen Leuten dienen zu dürfen. Die Arbeit in der Vesperkirche war ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hatte, und so war es immer von der aktuellen Aufgabe abhängig, ob man Kontakt zu den Menschen dort hatte oder nicht. Neben Tätigkeiten wie Brote schmieren oder schneiden konnte man auch das benutzte Geschirr abräumen beziehungsweise entgegennehmen. Im letzteren Fall hatte ich des öfteren die Gelegenheit mit Leuten ins Gespräch zu kommen, was wirklich interessant war, da alle dort sehr offen waren und meist sehr direkt sagten, was sie dachten. Es hat wirklich sehr viel Spaß gemacht, in der Vesperkirche zu sein, und ich kann es nur jedem empfehlen, einmal selbst dort hin zu gehen!
Laura:
Als wir uns der Vesperkirche nährten, fühlte ich mich in meinen Vorurteilen bestätigt: Bärtige, ungepflegte Männer mit Bierflaschen liefen auf dem Platz herum und aus einer Ecke kam Gegröle. Beim Eintritt in die Kirche erwartete uns aber etwas vollkommen anderes. Die Gäste, die dort schon auf das Essen warteten, sahen fast alle völlig unauffällig und "normal" aus. Armut sieht man den Menschen hier selten an, und ich denke, dass sie dies auch unbedingt so wollen.
Alle waren höflich und freundlich, und es herrschte eine friedliche Atmosphäre. Dies war zum Teil auch dadurch bedingt, dass nur etwa die Hälfte der üblichen Anzahl an Gästen da war. Aber hauptsächlich konnte man einfach merken, dass sich sowohl die Helfer als auch die Gäste wohl fühlten. Dass es in der Vesperkirche um mehr als das bloße Essen geht, war oft zu sehen. Besonders beeindruckt hat mich eine Szene, die ich mit Erstaunen beobachtete:
Ein junger Punker kam mit seinem Hund zur Türe herein (denn Hunde sind in der Kirche erlaubt!), und der Hund zog stark an seiner Leine. Sein Ziel war ein Tisch, an dem er stehen blieb und wo er von einer alten Frau mit Gehwagen freudig empfangen wurde. Die Frau saß da und streichelte den Hund, der sich total freute, während sich der Punk vor sie kniete und sich mit ihr ausgiebig unterhielt.
Diese Begegnung zwischen zwei so unterschiedlichen Menschen hat mir gezeigt, wie wichtig und notwendig die Vesperkirche für viele Menschen ist, da sie dort nicht nur Essen erhalten, sondern auch soziale Kontakte knüpfen, Menschlichkeit erfahren und weiter geben können. Das erscheint uns selbstverständlich, doch es ist vielen oft im Alltag nicht möglich, weil sie von unserer Gesellschaft und dem "normalen" Leben ausgeschlossen werden.
Kilian:
Bereits auf dem Weg zur Vesperkirche hat es mich gewundert, wie normal mir der Tag bis dahin vorkam. Ich hatte nicht das Gefühl auf einer Reise zu Armen zu sein, genau so wenig wie ich dachte es sei etwas besonders Edles von uns dort hinzugehen. Es war alles normal eigentlich. Als wir ankamen hatten wir ein kleines Briefing mit Herr Hudelmayer. Die Informationen, die wir erhielten, waren bestimmt gut gemeint. Was ich jedoch schade fand war, dass ich nun ein Bild von etwas hatte, dass ich selber noch nie erlebt hatte, denn das Meiste empfand ich als selbstverständlich und daher kam dieses Vorabgespräch bei mir anders an als es hätte ankommen sollen. Ich betrachtete die Menschen in der Kirche als wären sie anders, als müsste ich den Unterschied zwischen ihnen und mir erkennen. Was ich fand war, jetzt wo ich nochmal darüber nachdenke, nur das, was ich sehen wollte, und zwar geprägt von meinen Erwartungen. Ein paar Eindrücke später waren die Bedürftigen bereits Menschen auf derselben Ebene wie du und ich. Die Tatsache, dass diese Menschen kein bisschen anders sind als wir, was das Menschliche angeht, ist das, was ich für mich mitnehme. Es gibt auf dieser Welt Ungerechtigkeit, man muss sie aber nicht akzeptieren! Wenn man nur will, kann man jedem den gleichen Respekt und dieselbe Freundlichkeit entgegen bringen Damit wäre ein Anfang geschaffen die Ungerechtigkeit zumindest auf der sozialen Ebene zu bekämpfen.
[Nachgedanken:
So schwer kann Kommunikation sein. Mir war im Vorfeld daran gelegen, dass die Schüler/innen offen sind für das Neue und mit den Unterscheiden und der Andersartigkeit, die sie evtl. erfahrung in der Begegnung mit den Gästen des Vesperkirche, gut umgehen können. Aber da habe ich wohl offene Türen eingerannt und aus meinem Anliegen, in den Gästen die Menschen zu sehen, wurde
- gegen meine Absicht - eine Verstärkung der Vorstellung, dass es Fremde und Andere sein könnten. Wie gut, dass Kilian erst recht offen war und ganz selbstverständlich die menschliche, die zwischenmenschliche Ebene mit den Gästen gefunden hat!
J. Hudelmayer]
Hudelmayer:
Auch wenn mir soziale Aufgaben und Aktivitäten in der Kirche nicht neu sind, so war es doch mein erstes Mal, dass ich in der Vesperkirche mitgearbeitet habe. Da es genügend Ehrenamtliche gab und ich mich als Lehrer zurückhalten sollte, hatte ich viel Spielraum, mit den Gästen in Kontakt zu kommen, was ich klasse fand, z. T. sehr genossen habe.
Besonders genossen:
Am frühen Nachmittag waren wir bei der Geschirrrücknahme und da bin ich oft mit dem Eimerchen durch die Reihen gegangen, um Geschirr und Besteck einzusammeln. Da sind so viele nette und teils witzige Gespräche entstanden, mal kurz, mal lang, mal dazu sitzen und reden, mal bloß im Vorbeigehen. Mal flapsig und manchmal auch sehr ernsthaft und tiefsinnig.
Auch schon am Morgen hatte ich viele gute und sehr lebendige Begegnungen, bei der ich einige Lerbensgeschichten gehört habe und viel Respekt gewonnen habe. Es werden soo viele Facetten eines Lebens sichtbar, - und alles gehört dazu!
Sehr nah ging mir ein Gespräch mit einem Paar, das ziemlich aufgeregt war. Es ging um eine Vergewaltigung in der Nacht zuvor, die sie erlitten hatte und die er nicht verhindern konnte. [...]
Ich war schon oft in meinem Leben in Kirchenräumen. Und trotzdem habe ich Kirche/ den Kirchenraum an dem tag nochmals neu erlebt: Hier wurde so unmittelbar Wirklichkeit, dass Kirche Schutz und Heimat bieten kann. Es war offensichtlich eine Heimat für die vielen Gäste, die sich kannten und die die Mitarbeiter gut kannten. Hier waren sie frei, waren geschützt gegen Wind und Wetter aber auch gegen Gewalt und Feindseligkeiten. Es war die Atmosphäre, die die Gäste entscheidend mitbestimmt hat, die mich so beeindruckt hat. Das war eine schöne Erfahrung.
Und: Es war ein Tag mit Zeit und Ruhe. Ich war um 16 Uhr erfüllt und glücklich und nicht - wie sonst so oft - geschafft und genervt. Der Tag hat mir gut getan , ein erfüllter Tag.
Was ist "Vesperkirche"?
Die Vesperkirche ist eine Einrichtung der evang. Landeskirche in Württemberg. Jedes Jahr werden im Winter für 2-3 Monate die Türen der Leonhardskirche in Stuttgart ganztägig geöffnet. Eingeladen sind alle Menschen. Speziell ausgerichtet ist dieses Angebot für Obdachlose, sozial Schwache und arme Menschen, die dort in der Kirche ein Dach über den Kopf haben und für 1,20 € am Tag den ganzen Tag auch Verpflegung. Es gibt medizinische Betreuung und Lebensberatung, .... und viel viel mehr (sogar alle 2 Tage Hundefutter, weil für diese Menschen ihre Vierbeiner oft sehr wichtige Lebensgefährten sind). Die Vesperkirche wird mit großem finanziellem Aufwand der Kirche und viele Spenden aus der Bevölkerung finanziert. Neben etlichen Hauptamtlichen arbeiten jeden Tag auch etwa 30-40 ehrenamtliche Helfer/innen mit.
Ausgiebige Informationen erhalten Sie auf der Homepage der Vesperkirche
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