Tolle Fragen ausgegraben - Archäologin zu Besuch bei der 6a

Vorgestern Troja, gestern Olympia, heute Ostfildern. Susanne Bocher, Archäologin aus Esslingen, hat schon in der Türkei und in Griechenland nach stummen Zeugen aus der Vergangenheit gegraben. Am Heinrich-Heine-Gymnasium ist sie auf etwas Neues gestoßen: Eine ganze Klasse von Sechstklässlern, die alles andere als stumm waren - und die Wissenschaftlerin 90 Minuten lang in Atem hielten. Die Frage aller Fragen wurde in der Klasse 6a kurz vor Schluss gestellt. "Glauben Sie an den Fluch des Tutanchamun?" Die Archäologin dachte kurz nach. "Wir versuchen immer, alles streng wissenschaftlich zu betrachten", sagte sie dann, "aber das schließt nicht aus, dass sich in der Grabkammer Pilze, Sporen oder andere Erreger befunden haben, die nach und nach zum Tod einiger Beteiligter geführt haben könnten."

Susanne Bocher, Mitarbeiterin des Deutschen Archäologischen Instituts, die gerade ihre Doktorarbeit abschließt, hatte neben Archäologen-Werkzeug wie Pinsel, Kelle, Maßband, Lot und Profilkamm in ihrem Archäologenkoffer auch elektronische Zeugnisse mitgebracht: Einen ZDF-Film, in dem sie als Expertin durch das Stadion im antiken Olympia geführt hat. Und eine umfangreiche Bilderreihe, die die Arbeit der Archäologen in und um die bedeutende Grabungsstätte auf der griechischen Halbinsel Peloponnes zeigte. Ein freigelegter Tempel für die Fruchtbarkeitsgöttin Demeter ist heute eines der jüngsten Fundstücke im einst heiligen Kultort - Susanne Bocher hat mitgegraben. In den über Jahre abgetragenen Sandschichten finden und fanden sich tausendfach auch kleinere Gegenstände: Scherben, Waffen, Helme und Dinge des täglichen Gebrauchs, zum Beispiel ein Goldring in einem stillgelegten und dann zugeschütteten Brunnen. Ob den wohl eine in den Olympiasieger verliebte Jungfrau hineingeworfen hat?

Die Begeisterung der Klasse 6a für die Archäologie wurde nicht einmal durch den Hinweis getrübt, dass ein bis zwei Monaten spannender Grabungen fast immer neun bis zehn Monate Erfassung und Archivierung am Schreibtisch folgen - eine wahre Sysiphus-Arbeit.

(Jürgen Roos)